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Asperger Syndrom

Zusammenfassung der wichtigsten Aspekte des Asperger Syndroms.

Asperger Syndrom

Bei der Beschreibung von Menschen mit Asperger-Syndrom (AS) ist es wichtig hervor zu heben, dass die Person als Individuum im Vordergrund steht. Jeder Mensch mit AS unterscheidet sich von anderen Menschen mit AS, sowie sich generell ein Mensch vom Anderen unterscheidet.


Bei Personen mit AS kann eine Fachperson, welche sich mit Autismus-Spektrums-Störungen auskennt, spezielle Merkmale feststellen und die Diagnose AS stellen. Man kann hinterfragen, ob AS eine Krankheit, Behinderung oder Störung ist, denn die meisten Betroffenen fühlen sich nicht als krank, behindert oder gestört, sondern einfach als anders oder besonders.


Eine Person mit AS hat viele wertvolle Fähigkeiten, die in ihrer Entwicklung optimalerweise als Stärken erkannt und gefördert werden. Personen mit AS haben eine mindestens durchschnittliche Intelligenz bis hin zur Hochbegabung oder Teilhochbegabung. Sie sind meist gut im Analysieren, beim Erkennen von Details (visuell) und verfügen über ein gutes Gedächtnis. Im Verlaufe der Entwicklung gelingt es vielen Betroffenen relativ gut mit ihren starken kognitiven Fertigkeiten gewisse Defizite zu kompensieren.


Bei Menschen mit AS spielt eine grosse Rolle, in welchem Umfeld sie aufwachsen dürfen. Ist dieses warmherzig, einfühlsam, verständnisvoll und förderlich, werden sie eher für das Erwachsenenalter gewappnet sein. Ein Kind mit AS benötigt bis ins Erwachsenenalter sehr viel Unterstützung von seinen Bezugspersonen. Die Eltern, die über genügend Ressourcen verfügen und diese Unterstützung bieten können, müssen sich leider von Aussenstehenden oft anhören, dass sie überbehütend sind und lernen sollten, wie sie ihr Kind loslassen können. Dabei machen sie meist genau das Gegenteil, sie fördern ihr Kind, so gut sie nur können, um es auf das selbstständige Erwachsensein vorzubereiten.


AS kommt viel häufiger vor als angenommen. Eine Studie in Schweden (Ehlers und Gillberg, 1993) zeigte, dass eines von 300 Kindern vom Asperger-Syndrom betroffen ist. Eine Diagnose wird selten vor dem Eintritt in den Kindergarten gestellt. Auch heute wird eine frühe Diagnose häufig verpasst und wenn überhaupt, dann das AS erst viel später erkannt.


Tony Attwood, der weltweit bekannte Experte für AS aus Australien, schreibt dazu (aus „Asperger-Syndrom: Wie Sie und Ihr Kind alle Chancen nutzen“):

Beispiel

„Der Lehrer beobachtet, dass das Kind das Spielen mit anderen meidet, die Regeln des Sozialverhaltens innerhalb der Klasse nicht versteht, ungewöhnliche Sprachgewohnheiten hat und eine aussergewöhnliche Fantasie an den Tag legt, sich ferner von einem bestimmten Thema ganz besonders angezogen fühlt und sehr unbeholfen beim Zeichnen, Schreiben oder Ball fangen ist. Es kann sich zudem störend und aggressiv verhalten, wenn es in nicht vermeidbare Nähe zu anderen Kindern gerät oder wenn es auf etwas warten muss.


Zu Hause benimmt sich das Kind möglicherweise ganz anders; es spielt mit seinen Geschwistern und interagiert in relativ normaler Weise mit seinen Eltern. Doch unter ihm nicht vertrauten Umgebungen und im Zusammensein mit Gleichaltrigen treten die Anzeichen stärker hervor. Diese Kinder haben zwar die klassischen Symptome, doch sehen ihre Lehrer keinen wirklichen Grund, sie an Spezialisten zu verweisen. Sie werden ihre ganze Schulzeit hindurch als sonderbar angesehen und versetzen ihre Lehrer immer wieder in Erstaunen.“

Eine frühe Diagnose wäre wichtig, damit so früh wie möglich mit spezifischen Fördermassnahmen begonnen werden kann und auch damit das Verständnis für die Besonderheiten des Kindes vorhanden ist. Leider gibt es aber in der Schweiz noch nicht genug Fachleute, welche sich mit AS auseinandergesetzt haben, weshalb häufig Fehldiagnosen gemacht werden (z.B. Aufmerksamkeitsdefizitsstörung oder einfach Verhaltensprobleme).


Die Diagnosestellung von AS ist auch für Experten eine Herausforderung. AS liegt auf dem Autismus Spektrum und bedingt durch die Individualität des Menschen zeigen sich grosse Unterschiede in der Ausprägung. Beim Autismus Spektrum besteht ein fliessender übergang zu den Menschen, die die Diagnosekriterien zwar nicht erfüllen, aber trotzdem gewisse Auffälligkeiten in Bezug auf AS haben. Man spricht in dem Fall von einer Person mit autistischen Zügen.


Bei Mädchen wird das AS noch selten gestellt, man geht jedoch heute davon aus, dass sehr viel mehr Mädchen betroffen sind, als bisher angenommen. Das AS zeigt sich bei ihnen anders. Wie bei Mädchen generell fallen sie mit ihrem Verhalten weniger auf und sie können besser imitieren und sich anpassen.


Die typischen Symptome nach Altersstufen sind (nach Ratgeber-Broschüre „Das Asperger-Syndrom – vieles gemeinsam und doch ganz anders“ des Elternvereins „autismus deutsche schweiz“):

Typischen Symptome

Kleinkinder:
  • Vermindertes Interesse an anderen Kindern oder ungeschicktes Verhalten im sozialen Umgang
  • Mühe mit Neuem und mit Veränderungen
  • Motorische Ungeschicklichkeit
Schulkinder:
  • Auffällige, z.B. altkluge Sprache
  • Schwierigkeiten, soziale Abläufe in der Gruppe zu verstehen
  • Ausgeprägte Probleme wie Hyperaktivität oder Aufmerksamkeitsstörung
Jugendliche und Erwachsene:
  • Probleme mit Gruppendruck („in sein“) und neuen Beziehungsformen (Freundschaft, Sexualität)
  • Schwierigkeiten, die zunehmend komplizierten sozialen Interaktionen zu verstehen
  • Schwierigkeiten im Berufsleben und in der Gestaltung befriedigender Beziehungen

Weiter unten sind der Vollständigkeitshalber die offiziellen Diagnosekriterien dargestellt (ICD-10), sowie auch die Kriterien, die Gillberg (Experte für AS aus Schweden) heraus gearbeitet hat.


Eine psychotherapeutische Unterstützung bei einer Fachperson, welche sich mit AS auskennt, ist hilfreich. Es gibt Betroffene, welche sich mehr und intensivere Kontakte zu Menschen wünschen, aber nicht wissen, wie sie dies angehen sollen und evtl. auch Mühe haben, einen Beruf, bzw. eine Stelle zu finden. Viele Betroffene, die sich eine Änderung wünschen, entwickeln eine sekundäre Störung (meist eine Depression), da sie mit der dynamischen Umwelt überfordert sind.


Es gibt aber auch Menschen mit AS, welche sich nicht vorstellen können, dass ihnen eine Psychotherapie helfen könnte, da sie den Wunsch nach einer Veränderung gar nicht haben. Es könnte aber sein, dass die Vorstellung einer Veränderung einer Entwicklung im Weg stehen könnte. Eine Veränderung löst bei den meisten Betroffenen ein unangenehmes, wenn nicht sogar angstvolles Gefühl aus. Es wäre denkbar, dass eine Person mit AS den Wunsch nach vermehrtem sozialen Kontakt (also einer Veränderung in ihrem Leben) nicht hat, weil sie sich gar nicht vorstellen kann, wie sie das jemals schaffen könnte. Eine Psychotherapie könnte in dem Fall als Möglichkeit gesehen werden präventiv an Schwierigkeiten zu arbeiten und Fertigkeiten aufzubauen, damit man gewappnet ist, falls der Wunsch nach einer engeren Beziehung später doch aufkommen sollte.


Generell gesagt, scheint es wichtig, dass eine Person mit AS mit oder ohne Unterstützung für sich heraus findet, wie sie sich das Leben einfacher gestalten kann, damit Überforderungen mit den entsprechenden negativen Gefühlen nicht ihr Leben beherrschen.

Diagnosekriterien des Asperger-Syndroms von ICD-10 (Weltgesundheitsorganisation) 1993
  • Es existieren keine klinisch bedeutsame allgemeine Verzögerung in der gesprochenen oder rezeptiven Sprache oder in der kognitiven Entwicklung. Die Diagnose verlangt, dass bis zum Alter von zwei Jahren oder früher einzelne Worte gesprochen werden können und dass bis zum Alter von drei Jahren oder früher kommunikative Redewendungen benutzt werden. Fähigkeiten zur Selbsthilfe, anpassungsfähiges Verhalten und Wissensbegierde in Bezug auf das Umfeld sollten um das dritte Lebensjahr herum auf einem mit der normalen intellektuellen Entwicklung übereinstimmenden Niveau liegen. Dennoch können die motorischen Wegmarken etwas verzögert sein, und die motorische Unbeholfenheit ist die Regel (obwohl kein notwendiges diagnostisches Merkmal). Es bestehen häufig einzelne spezielle Fertigkeiten, die sich meist auf abnorme Beschäftigungen beziehen, aber sie sind für die Diagnose nicht relevant.
  • Qualitative Abnormitäten in der wechselseitigen sozialen Interaktion zeigen sich in mindestens zwei der folgenden Merkmale:
    1. Unvermögen, einen angemessenen Augenkontakt herzustellen und aufrechtzuerhalten, Mängel in Mimik und Körperhaltungen, Mängel in der Gestik zur Regulierung der sozialen Interaktion;
    2. Unvermögen (in einer dem geistigen Alter entsprechenden oder trotz ausreichender Gelegenheiten), Beziehungen zu Gleichaltrigen zu entwickeln, die das Teilen von Interessen, Aktivitäten und Emotionen betreffen;
    3. Mangel an sozio-emotionaler Gegenseitigkeit, die sich in einer unzulänglichen oder von der Norm abweichenden Reaktion auf die Emotionen anderer Menschen zeigt; oder der Mangel an Verhaltensmodulation gemäss dem sozialen Kontext; oder eine geringe Integration der sozialen, emotionalen und kommunikativen Verhaltensweisen.
    4. Fehlender spontaner Wunsch, mit anderen Menschen Vergnügen, Interessen und Errungenschaften zu teilen (z.B. mangelndes Interesse, anderen Menschen Gegenstände, die dem Betroffenen wichtig sind, zu zeigen, herzubringen oder darauf hinzuweisen.
  • Der Betroffene legt ein ungewöhnlich starkes, sehr spezielles Interesse oder begrenzte, repetitive und stereotype Verhaltensmuster, Interessen und Aktivitäten an den Tag, die sich in mindestens einem der folgenden Bereiche manifestieren:
    1. Einer konzentrierten Beschäftigung mit stereotypen und begrenzten Interessensmustern, die in Inhalt oder Gebiet abnorm sind; oder eine oder mehrere Interessen, die in ihrer Intensität und ihrer speziellen Natur, aber nicht in Inhalt oder Gebiet begrenzt sind.
    2. Offenkundige zwanghafte Befolgung spezifischer, nonfunktionaler Routinen oder Rituale.
    3. Stereotype und repetitive motorische Manierismen, die entweder das Schnippen/Schlagen oder Drehen mit Händen oder Fingern oder komplexe Bewegungen mit dem ganzen Körper einschliessen.
    4. Beschäftigung mit Teil-Objekten oder nonfunktionalen Elementen oder Spielmaterialien (wie den dazugehörigen Farben, dem Gefühl, das ihre Oberfläche vermittelt, oder dem Geräusch/der Vibration, das sie hervorrufen). Doch kommt es seltener vor, dass diese Merkmale motorische Manierismen oder Beschäftigungen mit Teil-Objekten oder nonfunktionalen Elementen der Spielmaterialien mit einschliessen.
  • Die Störung ist den anderen Varianten der tiefgreifenden Entwicklungsstörung nicht zuzuschreiben, wie: einfache Schizophrenie, schizo-typische Störung, Zwangsstörung, anankastische Persönlichkeitsstörung, reaktive und enthemmte Bindungsstörungen der Kindheit.
Diagnosekriterien für das Asperger-Syndrom von Gillberg und Gillberg (1980)
  • Soziale Beeinträchtigung (extreme Ichbezogenheit)
    (mind. zwei der folgenden Merkmale):
    1. Unfähigkeit, mit Gleichaltrigen zu interagieren
    2. Mangelnder Wunsch, mit Gleichaltrigen zu interagieren
    3. Mangelndes Verständnis für soziale Signale
    4. Sozial und emotional unangemessenes Verhalten
  • Eingegrenzte Interessen
    (mind. eines der folgenden Merkmale):
    1. Ausschluss anderer Aktivitäten
    2. Repetitives Befolgen der Aktivität
    3. Mehr Routine als Bedeutung
  • Repetitive Routinen
    (mind. eines der folgenden Merkmale):
    1. Für sich selbst, in Bezug auf bestimmte Lebensaspekte.
    2. Für andere.
  • Rede- und Sprachbesonderheiten
    (mind. drei der folgenden Merkmale):
    1. Verzögerte Entwicklung
    2. (oberflächlich gesehen) perfekter sprachlicher Ausdruck
    3. Formelle, pedantische Sprache
    4. Seltsame Prosodie, eigenartige Stimmmerkmale
    5. Beeinträchtiges Verständnis einschliesslich Fehlinterpretationen von wörtlichen Bedeutungen
  • Nonverbale Kommunikationsprobleme
    (mind. eines der folgenden Merkmale):
    1. Begrenzte Gestik
    2. Unbeholfene/linkische Körpersprache
    3. Begrenzte Mimik
    4. Unangemessener Ausdruck
    5. Eigenartig starrer Blick
  • Motorische Unbeholfenheit
    1. Mangelnde Leistung bei Untersuchung der neurologischen Entwicklung