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Mittwoch, 14. Juni 2017, 16:11

Hochbegabung versus Autismus

Hallo zusammen

Dies ist mein erster Beitrag in diesem Forum.
Mich würde interessieren, ob ihr mir zustimmt, dass viele Menschen Hochbegabung und Autismus nicht unterscheiden können resp. gleichsetzen. Es kann natürlich auch die Kombination auftreten. Aber Thomas Girsberger schrieb in seinem Buch "Die vielen Farben des Autismus" dass ein hoher IQ mit weniger Autismus einhergeht. Leider habe ich den Eindruck, dass viele Menschen das anders sehen.

Ich habe meine Hochbegabung sehr spät entdeckt (mit über 30 Jahren) und bin im Beruf oft angeeckt mit meiner Art. Nun konnte ich dank Kontakten zu anderen Hochbegabten einige dieser Probleme überwinden. Aber ich wurde wohl oft falsch eingeschätzt - als Autistin. Ich konnte daher auch keine Karriere aufbauen. Eine kürzliche Abklärung zeigte jedoch, dass kein Autismus vorhanden ist. Ich glaube aber, dass ich einzelne Tendenzen in diese Richtung habe. Im Grunde sind diese aber nicht so stark, sondern viele Auffälligkeiten kommen von der spät entdeckten Hochbegabung her.

Hat jemand ähnliche Fehleinschätzungen im Job erlebt? Stimmt ihr der Aussage von Thomas Girsberger zu, dass Hochbegabung vor Autismus "schützt"?

friedel

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Mittwoch, 14. Juni 2017, 18:37

Dies ist mein erster Beitrag in diesem Forum.

Hallo yemayaya,
willkommen im Forum.

Mich würde interessieren, ob ihr mir zustimmt, dass viele Menschen Hochbegabung und Autismus nicht unterscheiden können resp. gleichsetzen.

Wenn man sich hier im Forum so durchliest, bleibt der Eindruck, dass damit auch viele Fachpersonen ihre Schwierigkeiten haben. Aber allein schon im Bereich des Asperger-Autismus ist das Spektrum sehr breit, reicht von hoch begabt bis zu minder begabt. Die Menschen unterscheiden auf der Basis ihres Bauchgefühls und ihres Wissens. Falls sie sich dabei beim Letzteren auf softe Infos aus den Medien beschränken, fällt schon mal ein großer Teil des Spektrums bei hnen hinten runter.

Aber Thomas Girsberger schrieb in seinem Buch "Die vielen Farben des Autismus" dass ein hoher IQ mit weniger Autismus einhergeht.
...
Stimmt ihr der Aussage von Thomas Girsberger zu, dass Hochbegabung vor Autismus "schützt"?

Ich habe das Buch nicht gelesen. Sagt Giersberger das wirklich?
Ich meine, dass von Außen betrachtet tatsächlich genau dieser Eindruck entsteht. Basierend auf eigenen Erfahrungen denke ich aber, dass es keine "Schutzwirkung" ist. Es erhöhen sich mit der Begabung einfach nur die Möglichkeiten, die eigenen autistischen Symptome zu kompensieren.
Das heißt, der Autismus ist schon noch vollständig da, nur halt bis zur Unauffälligkeit kompensiert. Also bei mir bedarf das einer ganz schönen Denkleistung, die mir dann mangels hochragenden Überflusses anderswo fehlt.

Hat jemand ähnliche Fehleinschätzungen im Job erlebt?

Das was mich im Job vor Fehleinschätzungen schützt, ist eine gesunde Selbsteinschätzung und der Wille, diese rechtzeitig zu verkünden. Beides ist Ergebnis eines mehrjährigen Lernprozesses. Vorher hatte ich es geschafft, mich abwechselnd zu langweilen und zu überlasten. Das führte natürlich zu der ein oder anderen Fehleinschätzung. Im ein oder anderen Fall tat das allerdings allein schon die Tatsache, dass ich weiblich bin. Das liegt also nicht rein am durchschimmernden Autismus.
Keine Aussage wird wahrer, indem sie häufig wiederholt wird.

Aber sie gewinnt dadurch ungemein an Glaubwürdigkeit. (UT)

3

Mittwoch, 14. Juni 2017, 21:44

Hallo Friedel

Vielen Dank für die Begrüssung und die interessante Antwort.

Genau - die meisten Menschen entscheiden aufgrund des Bauchs und aufgrund oftmals einseitigen Wissens.
Sie achten auch stark auf das Auftreten einer Person und wie sie etwas sagt (und nicht unbedingt auf was die Person sagt).
Aber Thomas Girsberger schrieb in seinem Buch "Die vielen Farben des Autismus" dass ein hoher IQ mit weniger Autismus einhergeht.
Stimmt ihr der Aussage von Thomas Girsberger zu, dass Hochbegabung vor Autismus "schützt"?
Ich habe das Buch nicht gelesen. Sagt Giersberger das wirklich?


Ich habe die Stelle nochmals angeschaut: Girsberger schreibt wörtlich: "Die Höhe des gemessenen IQ korreliert negativ mit Autismus. Je höher der gemessene IQ, umso weniger ausgeprägt ist das autistische Wahrnehmen und Denken."

Aber vermutlich ist es schon so, dass Menschen mit hohem IQ die autistischen Tendenzen besser erkennen und kompensieren können. Dass dieser Vorgang Energie kostet, die dafür andernorts fehlt, kann ich bestätigen - aber ich benötige heute schon ca. 50 % weniger Energie für soziale Situationen als noch vor einigen Jahren.

Eine gesunde Selbsteinschätzung ist tatsächlich sehr wichtig im Job. Das Problem war, dass ich erst im Alter von über 20 Jahren (als ich es an die Uni geschafft hatte nach einigen Umwegen) auf andere Frauen mit demselben IQ stiess. Endlich hatte ich das Gefühl, dass jemand so tickt wie ich und mich verstand. Ich fand es aber weiterhin schwierig, mich im Beruf richtig einzuschätzen, speziell in einem Umfeld wo man mit unterschiedlichsten Menschen eng zusammenarbeiten muss. Daher bin ich in mehreren Jobs gescheitert. Man hielt mich für arrogant und nicht teamfähig. Inzwischen habe ich meine Wahrnehmung so geschult, dass ich recht schnell merke, wie andere Menschen ticken und welche Bedürfnisse sie haben. Ich konnte es in der Familie nicht lernen. Ich vermute, beide Eltern sind leicht autistisch. Dank dem hohen IQ konnte ich jedoch aus dem Familienmuster etwas ausbrechen.

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