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Teresa

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Mittwoch, 13. Juli 2011, 18:58

Autismus und Ethische Fragen

"Aus aktuellem Anlass" (hier in Deutschland) -

Abstimmung im Deutschen Bundestag zur Präimplantationsdiagnostik (PID) -

will ich mal dieses Thema eröffnen.


PID-Zulassung: Schwarzer Tag für die Behinderten in Deutschland

In einer Pressemitteilung erklärt Mechthild Löhr, Bundesvorsitzende der Christdemokraten für das Leben e.V., zum heutigen Gesetzesbeschluß des Deutschen Bundestages für die Zulassung der Präimplantationsdiagnostik (PID): "Heute ist ein schwarzer Tag für die Behinderten in Deutschland.

Wir Christdemokraten für das Leben sind entsetzt, dass der Deutsche Bundestag die PID in Deutschland zugelassen hat. Deutschland wird mit der PID ein großes Stück unmenschlicher und kälter.


Der Deutsche Bundestag gibt das Signal, dass es Behinderungen, Krankheiten und genetische Veranlagungen gibt, die eine Selektion durch PID rechtfertigen. Das ist ein gewaltiger Rückschlag für das Rechtsbewusstsein in unserem Land.

Viele Redner haben heute im Bundestag deutlich gemacht, dass die PID-Zulassung an die Grundfesten unserer Gesellschaft rührt:
Behinderte
werden durch PID diskriminiert,
Paare mit genetischem Risiko werden ab heute unter erheblichen Druck gesetzt, sich der PID zu unterziehen.

Mütter, die ein Kind mit Behinderungen zur Welt bringen, werden in Zukunft immer öfter den Vorwurf hören, das sei doch nicht mehr nötig, seit es PID gibt.

PID garantiert kein gesundes Kind. Aber der Bundestag eröffnet nun ein neues, reichhaltiges Geschäftsfeld für Reproduktionsmediziner:
Allein schon wegen der Angst der Mediziner vor Schadenersatzklagen wird PID zum weit verbreiteten Screeningverfahren und zur Krankenkassenleistung werden.



Der Artikel (und so einige weitere) ist hier zu finden:
http://www.abgeordneten-check.de/artikel…tscheidung.html



zu:
Autismus und Ethische Fragen: u.a. Autismus und PID


"Einleitung"...
(...und Amerika "machts wieder mal vor"....
):

Autism: Facts and Statistics
  • 1 percent of the population of children in the U.S. ages 3-17 have an autism spectrum disorder.1
  • Prevalence is estimated at 1 in 110 births.2
  • 1 to 1.5 million Americans live with an autism spectrum disorder.3
  • Fastest-growing developmental disability; 1,148% growth rate.4
  • 10 - 17 % annual growth.5
  • $60 billion annual cost.6
  • 60% of costs are in adult services.7
  • Cost of lifelong care can be reduced by 2/3 with early diagnosis and intervention.8
  • In 10 years, the annual cost will be $200-400 billion.9
  • 1 percent of the adult population of the United Kingdom have an autism spectrum disorder.10
  • The cost of autism over the lifespan is 3.2 million dollars per person.11
zu finden hier: http://www.autism-society.org/about-auti…statistics.html


Eine Auswahl an Artikeln zum Thema: "Autismus und PID" bzw. "Autismus und Ethische Fragen":

http://news.bbc.co.uk/2/hi/health/7736196.stm

http://www.communitycare.co.uk/Articles/…-not-cancer.htm

http://www.autismresearchcentre.com/docs…smNeedACure.pdf

http://www.autismresearchcentre.com/docs…tortingLens.pdf
Worauf es ankommt, das sind nie die Bedingungen, die man vorfindet, sondern das ist stets das Lebenswerk, das man daraus gemacht hat. (Elisabeth Lukas)

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Teresa

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Donnerstag, 14. Juli 2011, 11:16

(Den folgenden Beitrag hab ich grad rüberkopiert - weil es hier nun wirklich "passt" - aus meinem aktuellen Beitrag hier:
Egozentrismus )


Damit der "Faden" klar ist: Ich war da gerade am Schreiben zum Thema: "Abhängigkeit des MENSCHENbildes vom GOTTESbild"

(...)
By the way: WIE soll ein Buddhist Liebe verstehen als PERSONale Liebe (von geistiger Person zu geistiger Person), wenn es für ihn nicht einmal einen PERSONalen GOTT gibt, ja, nicht nur "so einen" nicht, sondern ja gar keinen (der Buddhismus ist eine nichttheistische "Religion", was auch immer Westler da hineinprojizieren mögen an möglichen "Göttern")
Tja, und wenn das Tier summa summarum "das selbe" ist wie der Mensch?? "In buddhistischer Erkenntnis ist das Tier nichts als der minder glückliche Kamerad im Samsara" (P. Dahlke)
Das Tier ist aber nun mal was VOLLKOMMEN ANDERES als der Mensch: das Tier ist geist-los (ist nur "zweidimensional": Körper plus Psyche), ergo das Tier ist a-personal, ist also keine "Person", kein Individuum usw. usw. (...weshalb es ja auch keinen freien Willen hat, nicht lieben kann usw. usw. - all das eben NICHT, was GEISTig ist = SPEZIFISCH MENSCHlich).
Ja, und welches Verständnis von Liebe kommt dann raus (zumindest "theoretisch" und "abstrakt-logisch" betrachtet), wenn Mensch und Tier "summa summarum" dasselbe sind?!

Es IST ja so, nicht nur beim einzelnen Menschen, sondern eine ganze Religion betreffend - und für den Atheismus gilt die selbe Gesetzmäßigkeit (denn der Atheist hat ja auch ein "Gottesbild", nämlich das, dass es keinen Gott gibt), ja, es IST ja so, dass das Menschen-bild ELEMENTAR zusammenhängt und "steht und fällt" mit dem GOTTESbild (des Einzelnen bzw. einer Religion oder Weltanschauung "insgesamt").

Nehmen wir doch ein paar Beispiele aus der Gegenwart und dem "ganz realen Leben":
Wer geht denn auf die Straße, wenn ein "Marsch für das Leben" ist, was sind denn die allermeisten unter den "Lebensschützern"? Nun, Christen. Die Buddhisten darunter muss man mit der Lupe suchen.
Oder nehmen wird die PID.
Wer hat denn da über Monate die ca. 50tausend Mails an diverse deutsche Abgeordnete geschickt, auf welchen Seiten im Internet wurde reichlich hingewiesen/ verlinkt zu z.B. der Initiative "Abgeordneten-Check" (der Text oben ist von dieser Seite, und da ist auch ein Link hin): Nun, reichlich auf den christlichen Seiten.
Oder: In welcher Partei finden sich die meisten Buddhisten? Nun, bei den "Grünen"... Bei dieser Partei der "himmelschreienden Doppelmoral", die "für einen Grashalm oder einen Regenwurm auf die Straße geht" und zugleich sich dafür eingesetzt hat/ einsetzt, dass die Abtreibung (die Er-mord-ung von Menschen im Mutterleib) immer noch weiter freigegeben wird. Und die so manch andere "Sichtweisen" zum Menschen durchschimmern lässt, die ein höchst frag-würdiges Menschenbild "verraten"....

Ja, und die Anhänger welcher Religion werden weltweit am meisten verfolgt?
Nun, bekanntlich die Christen (zu "Weltverfolgungsindex" etc. hier: http://www.opendoors-de.org/verfolgung/wvi2011/ )

Und in unseren Breiten sieht es inzwischen auch schon ganz schön übel aus:
Gegen das Christentum, die Christen, den Papst usw. "darf man alles sagen" (da werden auch längst noch ganz andere Dinge gemacht, Kirchen geschändet usw., auch Christen sitzen inzwischen in Deutschland in "Beugehaft", weil sie ihre Kinder nicht teilnehmen lassen an einer in der Schule aufgezwungenen Propaganda-Veranstaltung zur Gendermainstreaming-Irrsinns-Ideologie usw.).
Aber WEHE es würde einer gegen den Islam so "vorgehen"....
Beispiel:
Bei Märschen der Lebensschützer ist es inzwischen usus, dass Gegendemonstranten Transparente haben u.a. mit dem Slogan:
"Hätt Maria abgetrieben, wärt ihr uns erspart geblieben". Ja, nun: Gehen da Wellen der Empörung durch D/A/CH?? Nein. Das regt scheinbar niemanden auf.
Würde einer das im Blick auf den Islam machen und den Slogan verwenden "Hätt Mohammed's Mutter abgetrieben, wärt ihr uns erspart geblieben", müsste er um sein Leben bangen. Und Protestwellen würden durch unsere schönen Ländchen gehen....
So sieht es inzwischen aus in unseren Breiten.

Was mir dabei mit Abstand aber am UN-begreiflichsten ist: Dieses Ausmaß an SELBST-SCHÄDIGENDER Dummheit der Menschen (genauer so mancher Vertreter der Spezies "Weltmensch", der Neu-Heiden heutzutage und in unseren Breiten):
Sie achten genau DIE gering, belächeln sie, spotten über sie, agieren gegen sie usw., die sie in Wahrheit "auf ihrer Seite haben", die sich für den Menschen und die MenschenWÜRDE und GEGEN all das, was diese Würde des Menschen außer Acht lässt oder mit Füßen tritt, einsetzen!!
Und somit auch für SIE!!
(...und DAS eben auf dem Hintergrund ihres christlichen GOTTESbildes. Und in LOGISCHER Folge ihres MENSCHENbildes!!)

Ja, von einem Gott, der SIE LIEBT und SICH - und sich DESHALB - für SIE geopfert hat, wollen sie nichts wissen.
Und die Menschen, die sich diesem Gott "ver-bunden" wissen, die diesen Gott ehren und lieben, die achten sie oftmals gering.
Und Menschen und Ideologien, die "bereit wären", SIE zu opfern (statt sich selbst FÜR SIE zu opfern), denen laufen sie hinterher.
UN-BEGREIFLICH..............
(... auch wenn der Vergleich hinkt, aber doch fällt einem da der "Rattenfänger von Hameln" ein...)

Ja, wie hat Einstein gesagt:

"Zwei Dinge sind unendlich: das Universum und die menschliche Dummheit. Beim Universum bin ich mir aber noch nicht ganz sicher."


Ein ganz persönliches Beispiel noch in dem Kontext:
"Meinen Aspies" ist das alles vollkommen be-wusst, der "große ganze Kontext" (die in so vielen Bereichen heute "mit-Füßen-getretene Menschenwürde) in unseren Breiten.
Und darin selbstverständlich auch ihre persönliche "Situation": Denen ist lichtklar, dass sie "zu einer Gruppe von Menschen gehören", die für viele Leute (und wenn man die Augen aufmacht, merkt man, dass es nicht "viele", sondern die "große Mehrheit" ist.....) in unseren Breiten im Grunde überhaupt keine "Existenzberechtigung" mehr hat....
Und so waren - mal ein Beispiel - unter den 50tausend Mails an die Abgeordneten bzgl. PID (= Behindertenjagd im Reagenzglas) so manche (nicht nur von mir, sondern) von "meinen Aspies" dabei.....

*

Nun, "Kostenrechnungen" werden mittlerweile ja schon gemacht bzgl. Autisten (siehe z.B. oben: "Facts and Statistics).

Bei den Schizophrenen ist man schon weiter, zumindest in Deutschland (wie es andernorts ist, hab ich noch nicht recherchiert).
Und als nächstes sind die "endogen" Depressiven dran, die Demenzpatienten etc.
Die Autisten haben diesbezüglich momentan noch "Glück": Da hat man noch kein "(Volltreffer)-Medikament" gefunden...

Ja, bei den Schizophrenen ist man schon weiter, da geht es schon primär ums Kosten-Senken (nicht mehr ums Rechnen).
Und auf welch kalte, skrupellose, menschen-verachtende Weise "man" das macht, das könnt ihr euch hier ansehen (ist absolut sehenswert!! und dauert nur knapp 8 Minuten):

http://frontal21.zdf.de/ZDFde/inhalt/15/…8232175,00.html

(...und dass das wiederum nur "Schritt 1" ist, ist auch klar.... wie's weitergeht, nun, da muss man kein Fan von "Verschwörungstheorien" sein oder eine paranoid-gefärbte Phantasie haben, damit einem da "so einiges in den Sinn kommt"....)

Ja, und auch bzgl. PID kann man sich "ausmalen", wie das weiter-gehen kann ...und wird...............

Worauf es ankommt, das sind nie die Bedingungen, die man vorfindet, sondern das ist stets das Lebenswerk, das man daraus gemacht hat. (Elisabeth Lukas)

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Samstag, 16. Juli 2011, 10:23

Autismus und Ethische Fragen: Rück-schau in die Anfänge der Autismus-Forschung


Ich will zunächst hier was sagen zu Hans Asperger:

Es tut mir im Herzen weh, dass Hans Asperger nicht nur für sein fachliches, sondern auch und vor allem für sein "menschliches Werk" bisher nicht auch nur annähernd ANGEMESSEN gewürdigt wurde.

Im Folgenden zitiere ich aus einem Artikel, in dem beide Punkte ausgezeichnet dargelegt sind.


Zitat

Entgegen der Auffassung von der erstmaligen Beschreibung und Benennung eines Zustandsbildes aus dem Formenkreis des Autismus schilderte Hans Asperger aber nicht erst 1943, sondern bereits fünf Jahre zuvor die Besonderheiten so genannter »autistischer Psychopathen« und verwendete auch diese Bezeichnung.
Am 03. Oktober 1938 hatte er in der Heilpädagogischen Abteilung der Universitätsklinik Wien, deren Leitung er seit 1932 inne hatte, einen Vortrag gehalten, in dem er anhand eines Fallbeispiels die Charakteristika der »autistischen Psychopathen« darstellte.
Der Vortrag, der unter dem Titel Das psychisch abnorme Kind im gleichen Jahr in der Wiener Klinischen Wochenzeitschrift abgedruckt wurde, muss heute aus drei Gründen gewürdigt werden.
(...)
Vermutete man bislang, dass in der Literatur die ersten Beschreibungen eines eigenständigen Syndroms aus dem Kontinuum autistischer Störungen von Leo Kanner im Jahre 1943 und etwas später von Hans Asperger gefunden werden können, muss dies nun für Hans Asperger vordatiert werden.

Seine Bedeutung als Pionier der Autismusforschung, als der er immer ein wenig im Schatten Leo Kanners stand, wird damit deutlich erhöht.
Leo Kanner, der im Jahre 1924 in die USA ausgewandert war, hatte seinen Aufsatz in englischer Sprache geschrieben und wurde damit international bald bekannt. Hans Aspergers in deutscher Sprache publizierte Schriften hingegen wurden zunächst wenig beachtet.

Im Kontext des bislang relativ unbekannten Vortrages von Hans Asperger muss nun auch gefragt werden, aus welchem Grund Leo Kanner in seiner Schrift von 1944 darauf verwies, dass er seit 1938, ausgerechnet dem Jahr also, in dem Hans Aspergers Aufsatz erschien, auf eine Anzahl von Kindern aufmerksam wurde, deren Zustand sich so markant und in Einzelheiten von allem anderen unterschied, was bis dahin berichtet wurde
(...)
Leo Kanner erklärte diese Jahreszahl in seinem Text nicht weiter, es sollte aber zumindest in Betracht gezogen werden, dass der Österreicher fachwissenschaftlichen Publikationen seines Herkunftslandes verfolgt und von Hans Aspergers Aufsatz Kenntnis hatte.
Damit soll an dieser Stelle keinesfalls ein Plagiatsvorwurf gemacht werden, möglicherweise eröffnete Hans Aspergers Aufsatz Leo Kanner aber einen neuen Blickwinkel auf einige seiner Kinder.


(geht gleich weiter)
Worauf es ankommt, das sind nie die Bedingungen, die man vorfindet, sondern das ist stets das Lebenswerk, das man daraus gemacht hat. (Elisabeth Lukas)

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Samstag, 16. Juli 2011, 10:45

(Fortsetzung/ Teil 2)


Im Folgenden nun Textausszüge (aus dem selben Artikel) zu meinem Thema hier: Autismus und ethische Fragen: Rückschau in die Anfänge der Autismus-Forschung

Und hier wird dann auch deutlich, was ich eingangs meinte (bzgl. Hans Asperger) mit
"....sondern auch und vor allem für sein "menschliches Werk" nicht auch nur annähernd ANGEMESSEN gewürdigt wurde"


Zitat

Zweitens muss neben der wissenschaftlichen Bedeutung dieses Vortrages auch gewürdigt werden, dass er ganz offensichtlich dem Schutz der ihm anvertrauten Kinder diente.

Im Kontext des Gesetzes über die Wiedervereinigung Österreichs mit dem Deutschen Reich vom 13.03.1938 drohte nun auch in Österreich die Durchsetzung des Gesetzes zur Verhütung erbkranken Nachwuchses (14.07.1933), das am 01.01.1934 in Kraft trat. Zwar blieb nach Artikel II des erstgenannten Gesetzes das geltende Recht in Österreich zunächst weiter in Kraft, die Einführung des so genannten »Reichsrechtes« stand aber in Aussicht und zu befürchten.
Tatsächlich wurde das Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses, wie es Hans Asperger in seinem Vortrag vorhergesehen hatte, am 01.01.1940 auch in Österreich wirksam.
Die rassenhygienischen Ideen der Nazis waren bereits im Jahre 1938 in Österreich massiv in die Politik und Wissenschaft eingedrungen. Schon im Jahre 1924 hatte sich an der Universität Wien, an der ja auch Hans Asperger tätig war, eine Wiener Gesellschaft für Rassenpflege gegründet, die im Jahre 1938 ihre enge Verbindung mit der Nationalsozialistischen Bewegung bekannte und zugleich eine rege Vortragstätigkeit zeigte.
Nachdem Österreich im März 1938 Teil des Deutschen Reiches geworden war, wurden »erb- und rassenbiologische Lehren« offiziell in den Forschungs- und Lehrbetrieb integriert. Es begann eine breite Propaganda, um den Boden für die verbrecherischen Absichten und Praktiken in der Bevölkerung zu bereiten.

Vor diesem Hintergrund muss Hans Aspergers Vortrag als ein Plädoyer für seine Schützlinge und deren Erziehung verstanden werden.

In einer geschickten Argumentation verwies Hans Asperger zunächst in distanzierter Art und Weise auf die zum damaligen Zeitpunkt aktuellen gesellschaftlichen Veränderungen und ihre Auswirkungen auf die Psychiatrie. Dann aber wechselte er die Perspektive vom »Standpunkt der Volksgesundheit« zum »Standpunkt der abnormen Kinder« – ein Blickwinkel, der zu dieser Zeit ungewöhnlich war und keinesfalls mit der in dieser Zeit auch an der Universität Wien verbreiteten faschistischen Ideologie des »lebensunwerten Lebens« vereinbart werden kann.
Damit wurde es ihm aber nun möglich aufzuzeigen, dass diese Kinder gefördert werden müssen:

»Wieviel können wir für diese Menschen leisten? soll die Frage sein. Und wenn wir mit all unserer Hingabe ihnen helfen, so tun wir damit auch unserem Volk den besten Dienst; nicht nur dadurch, daß wir verhindern, daß jene durch ihre dissozialen und kriminellen Taten die Volksgemeinschaft belasten, sondern auch dadurch, daß wir zu erreichen suchen, daß sie als arbeitende Menschen ihren Platz in dem lebendigen Organismus des Volkes ausfüllen

Er bezeichnete es also als den »besten Dienst« an der »Volksgemeinschaft«, wenn man diesen Kindern mit aller Hingabe hilft. Der Hinweis darauf, dass sie als »arbeitende Menschen ihren Platz in dem lebendigen Organismus des Volkes ausfüllen« können, wird sich gegen das Argument der faschistischen Ideologen gerichtet haben, dass Menschen mit Behinderungen so genannte »Fürsorgekosten« verursachen, die die so genannten »gesunden Volksgenossen« belasten.
Schon Schüler der Volksschule mussten die entstehenden Kosten für die Versorgung von »Krüppeln«, »Blinden« und »Geisteskranken« in Textaufgaben errechnen.

Hans Asperger verwies auch nachdrücklich darauf, dass nicht alles »abnorme« zugleich »minderwertig« sein muss und entwertete so ein wichtiges Argument, von dem diesen Kindern im Zuge des Gesetzes zur Verhütung erbkranken Nachwuchses Gefahr drohte. Heute weiß man, dass die zwangsweise Sterilisation von so genannten »Erbkranken« die erste verbrecherische Maßnahme war, die die Nationalsozialisten nach ihrer Machtergreifung auf dem Gebiet der »Erb- und Rassenpflege« durchführten. Es folgte später die Vernichtung dieser Menschen.

»Minderwertig« – dieser Begriff, im Kontext von Menschen verwendet, erschreckt heute. Die Vorstellung der Minderwertigkeit von Menschen ist das Ergebnis des Versuchs, eine Werteskala in die Anthropologie und Ethnologie einzuführen. Es ging nicht nur darum, die Verschiedenheit von Menschen festzustellen und zu beschreiben, sondern zudem eine Wertigkeit zu konstruieren. Hans Asperger lehnte die Bezeichnung »minderwertig« ganz augenscheinlich ab und machte das noch einmal besonders deutlich, indem er das Adjektiv in Anführungszeichen setzte.

Möglicherweise ist es also keinesfalls zufällig, dass sich Hans Asperger mit den »autistische Psychopathen« einer Gruppe von Kindern zuwandte, deren Entwicklungsperspektive eher positiv zu sein schien, als die der von Leo Kanner geschilderten – obwohl auch Donald, der erste von Leo Kanner geschilderte Junge, wie man heute weiß, später ein unabhängiges und selbstständiges Leben führen konnte.

Es sollte in Betracht gezogen werden, dass Hans Asperger sein wissenschaftliches Interesse auf diese Kinder richtete, in der Hoffnung, sie so vor dem Zugriff der Euthanasie-Anhänger zu schützen.

In seinem Vortrag am 03. Oktober 1938 ging es ihm allerdings nicht nur um den Schutz dieser Kindergruppe, sondern zugleich aller so genannten »Psychopathen«. In einem geschickten argumentativen Schachzug legt er präventiv den Ärzten, die als Gutachter Entscheidungen für das in Österreich noch gar nicht in Kraft getretene Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses tätig werden würden, nahe, nicht nur einen Fragebogen oder einen Intelligenzquotienten, sondern in erster Linie die gesamte kindliche Persönlichkeit und alle Fähigkeiten des Kindes in Rechnung ziehen.
(...)


Es bleibt damit nicht nur die wissenschaftliche Leistung Hans Aspergers zu würdigen sondern auch seine Menschlichkeit und seinen mutigen Einsatz für die ihm anvertrauten Kinder in Zeiten, in denen dies keinesfalls selbstverständlich und ungefährlich war.




Und hier der gesamte Artikel:
Autismus und NS-Rassengesetze in Österreich 1938: Hans Aspergers Verteidigung der »autistischen Psychopathen« gegen die NS-Eugenik

http://www.dr-brita-schirmer.de/pdf/artikel06.pdf
Worauf es ankommt, das sind nie die Bedingungen, die man vorfindet, sondern das ist stets das Lebenswerk, das man daraus gemacht hat. (Elisabeth Lukas)

Dieser Beitrag wurde bereits 2 mal editiert, zuletzt von »Teresa« (16. Juli 2011, 11:06)


Anna

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Samstag, 16. Juli 2011, 12:18

Mensch, das sind ja schwierige Themen hier. ;)

Hans Asperger wurde also deshalb nicht gewürdigt, weil es die politischen Verhältnisse nicht zuliessen. Er hat sicher viel getan für die Asperger-Menschen und seine Erkenntnisse sind ja nicht verlorengegangen.

Teresa

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Samstag, 16. Juli 2011, 12:46

Mensch, das sind ja schwierige Themen hier. ;)

Aaah, geeeh! Schimpf doch ned :D Du bist doch a gscheits Madl, du kapierst des scho! ;)

Hans Asperger wurde also deshalb nicht gewürdigt, weil es die politischen Verhältnisse nicht zuliessen. Er hat sicher viel getan für die Asperger-Menschen und seine Erkenntnisse sind ja nicht verlorengegangen.

Klar, Asperger hat viel getan. Und es ging nix verloren. Das ist ja nun auch schon mal sehr wichtig.

Nun, Kanner hatte halt den "Sprachvorteil" (Publikation in englisch).

Und über Jahrzehnte war das ja gar nicht oder kaum bekannt (naja, dem Leo Kanner schon 8) ), dass Asperger den Begriff schon 5 Jahre vor Kanner gebraucht und das "Phänomen" beschrieben hat.

Ich frage mich, in welche Richtung Forschung und "Lehre", Diagnosekriterien, Therapieansätze etc. bzgl. Autismus sich entwickelt hätten, wäre es umgekehrt gewesen, sprich wäre das Konzept von Hans Asperger das über Jahrzehnte primär (und für viele ausschließlich) bekannte Konzept gewesen.
Wohl in eine "etwas andere" Richtung.
Worauf es ankommt, das sind nie die Bedingungen, die man vorfindet, sondern das ist stets das Lebenswerk, das man daraus gemacht hat. (Elisabeth Lukas)

Anna

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Montag, 18. Juli 2011, 09:41

Ich weiss nicht viel über H. Asperger und auch nicht viel über Kanner, aber der hat doch eine andere Art Autismus beschrieben? Vielleicht hat man deswegen auch viele Autisten, die eine andere als den frühkindlichen Autismus haben nicht erkannt?