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Samstag, 11. August 2012, 20:52

DSM-V und Asperger - lesenswerter Artikel

Ich möchte den folgenden Artikel für einmal nicht einfach bei den News einfügen. Ich finde den Artikel in zweifacher Beziehung sehr interessant und lesenwert: einerseits sehr persönlich und gut geschildertes AS anhand eines jungen Mannes - anderseits gut aufbereitete Informationen zu den Neuerungen, die die DSM-V bringt. DSM-V wird Auswirkungen auf eine Abklärung / Diagnosestellung beim autistischen Spektrum haben. Das AS wird nicht mehr eigenständig aufgeführt.

Ein paar Ausschnitte:

Zitat

Nach dem DSM-5 müssen für diese Diagnose dann mindestens sechs
Kriterien aus dem Bereich „Soziale Kommunikation und Interaktion“ seit
frühester Kindheit vorliegen. Hierzu gehören beispielsweise Defizite in
der nonverbalen Kommunikation oder die Unfähigkeit, Beziehungen zu
Gleichaltrigen aufzubauen. Aus dem Bereich der sich wiederholenden
Verhaltensweisen, Interessen und Aktivitäten müssen mindestens zwei
Symptome wie etwa stereotypes motorisches Verhalten oder exzessives
Festhalten an ritualisierten Verhaltensweisen vorliegen.


In der Fassung des DSM-4 mussten bisher deutlich
weniger Kriterien aus beiden Bereichen erfüllt sein, um die Diagnose
Asperger-Syndrom zu stellen. Um trotzdem weiterhin unterschiedliche
Schweregrade der Autismus-Spektrum-Störung festmachen zu können, sieht
das DSM-5 vor, Patienten zusätzlich in Untergruppen einzuteilen, die
sich nach der Dringlichkeit der nötigen Unterstützung richten.
Kamp-Becker hält die neue Klassifikation für durchaus sinnvoll, „denn um
eine Diagnose zu stellen, sind dann mehr Informationsquellen und die
genauere Beobachtung von Seiten der Eltern notwendig. Das erhöht die
Stabilität der Diagnose sowie die differenzialdiagnostische Abgrenzung
zu anderen Störungen.“


Aus einer bisher klaren Kategorisierung soll ein
fließendes Kontinuum geschaffen werden, heißt es in vielen
Stellungnahmen zu den Änderungen, und genau diese Abschaffung harter
Grenzen zwischen den bisherigen Unterformen des Autismus sehen einige
amerikanische Studien als den größten Vorteil der neuen Version des
Diagnose-Handbuches.

...ich empfehle aber den ganzen Artikel zu lesen.
http://www.faz.net/aktuell/wissen/medizi…n-11847404.html

grüsse
soleil

Dieser Beitrag wurde bereits 1 mal editiert, zuletzt von »soleil« (11. August 2012, 20:53)


2

Sonntag, 12. August 2012, 13:31

@soleil

Danke für den Link zu diesem Artikel der sehr interessant ist und meiner Meinung nach einer besseren seit langem.
Ich bin auch gespannt darauf zu sehen wie sich die neue DSM-V-Diagnistik weiter entwickelt und was die Fachwelt dazu sagt. Persönlich finde ich die eingeschlagene Richtung sinnvoll obwohl mit der Streichung des Asperger-Syndroms auch ein Stück Identität verloren geht. Ich kann damit leben, denn ich würde mich niemals als "Aspie" bezeichnen und auch nie ein T-Shirt tragen mit dem Aufdruck "I am proud to be an Aspie!" (= Ich bin stolz ein Aspie zu sein!).

dhqd

3

Sonntag, 12. August 2012, 22:39

Ich habe den Artikel gelesen und kann die meisten Argumente nachvollziehen.
Was mich betrifft: Mir war die Lizenz zum Anders-sein, die ich mit der Diagnose AS bekam, immer enorm wichtig.
Ich habe in meinem Leben sehr viel Kraft und Zeit damit vergeudet, zu versuchen, so zu werden, wie die anderen. Es war mir oft enorm schwer, mich auf das zu fokussieren, was in mir war.
Herr Professor Vogeley, der im Artikel auch zu Wort kommt, leitet (als NT) das Forum für Autisten in Köln. In diesem Forum kommen einmal im Quartal AS, die als Erwachsene ihre Diagnose bekommen haben, aus ganz Deutschland zusammen, um sich zu bestimmten Themen auszutauschen. Wir haben da auch einmal besprochen, was die Diagnose verändert hat. Die meisten haben die Diagnose als Befreiung erlebt und als Möglichkeit, das eigene Leben neu auszurichten. Wenn uns (und denen, die ihre Diagnose noch nicht haben) das genommen würde, wäre das sehr schade.
Ich 'leide' nicht unter dem Asperger-Syndrom, wie der Artikel es nahe legt, ich habe es. 'Leiden' tue ich vor allem unter dem permanenten enormen Anpassungsdruck seitens der NT, wenn ich mich in deren Welt bewege (und das nicht zu knapp!). Ich stelle immer wieder fest, dass ich NTs nicht anschaulich machen kann, wie verheerend, menschenverachtend und vernichtend es sein kann, diesem unablässigen Druck ausgesetzt zu sein, jemanden spielen zu müssen, der man gar nicht ist. Die NTs, die ich kenne, 'bestaunen' das Phänomen AS mehr als dass sie mitfühlen können. Und mit derart wenig Mitgefühl ausgestattet, lässt sich so ein Diagnoseschlüssel schnell streichen.

Dieser Beitrag wurde bereits 1 mal editiert, zuletzt von »M. le muet« (12. August 2012, 22:39)


NarrGottes

unregistriert

4

Mittwoch, 15. August 2012, 04:51

Dem fliessenden Kontinuum von Autismus Störungen wird begegnet, indem Grade eingeführt werden, die anzeigen, wie schwer betroffen der Mensch ist, juhu, dann werde ich nicht in den Topf mit Rain Man geworfen, obwohl ich ihn ja für die Sache mit den Zündhölzern bewundere! Er konnte fast nicht selbstständig leben, daher ist es für mich okee, wenn an der Diagnosevokabel herumlaboriert wird. Neu treffen dann die Diagnosen auch genauer auf die Menschen zu, weil mehrere Abstufungen an Schweregraden hinzukommen. Neu ist aber ein mild gesagt nicht wirklich überlebensfähiger Mensch gleich als Idiot abgestempelt, kämpft dann vielleicht darum, eine bessere Einstufung zu erhalten. Eben, weil es jetzt die Abstufungen geben wird...

Ich bin immer froh, wenn Inseldenken aufgegeben wird zugunsten einer Erprobung einer Sicht auf das Ganze. Und die neue Autismus Definition, die sieht danach aus.

Nowhere Man

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5

Donnerstag, 16. August 2012, 06:58

Das Wegfallen der Diagnose Asperger Syndrom zugunsten einer Autismus-Spektrum-Störung mag aus medizinischer Sicht vielleicht sinnvoll erscheinen. Die Anpassung trägt meines Erachtens aber zur Pathologisierung des AS bei. Dadurch ist der neue Begriff – auch wenn es Abstufungen gibt – für die Chancen in der Arbeitswelt mit Sicherheit nicht förderlich, d. h. es wird die Probleme der Betroffenen vergrössern. Einen Aspie ist man allenfalls noch bereit einzustellen, einen Autisten eher weniger, Abstufung hin oder her.
Nowhere Man

NarrGottes

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6

Donnerstag, 16. August 2012, 10:58

Hi Nowwhere Man!
Ich gebe Dir recht, noch ist es doof, von sich sagen zu müssen, man sei Autismus Spektrum Betroffener, weil, das ist wie früher, wo ich sagen musste, icch habe Asperger, dann kam immer die Frage, was ist das? Ich musste sagen, so wie bei Rain Man, nur bin ich nicht so eingeschränkt im Leben, wie Rain Man, hätte aber auch Züge von savant, falls Dir das was sagt, die können etwas sehr gut, sie interessieren sich nur dafür, doch sonst sind sie nicht recht lebensfähig. Manche Professoren hätten so Züge, nur die seinen ja lebensfähig, leben selbstständig, hätten auch einen Bereich, wo sie schrullig sind, einfach nicht so stark ausgeprägt, wie bei Savants... Und so wird es immer komplizierter. Ich als Betroffene kenne mich ja aus in der Materie. Mein Gegenüber nicht. Zusätzlich nehme ich alles genau und kann detailiert denken, also müssen diese Diskussionen für mich unbefriedigend ausfallen. Wenn, wenn jetzt aber medizinisch genau diese Abstufungen kommen, dann ist das gut, weil es dann eine "genaue" Umschreibung für jeden Betroffenen gibt, so wird innert kürze dieser und jener Star sich in Interviews bezüglich seiner Verhaltensstörung äussern und ich Nina Wild kann dann einfach sagen, ich hätte sowas, wie der Bill Gates. Heute ist das ja nur eine Vermutung, wenn es genauere Begriffe, mehr Begriffe gibt, wird es das auch zu googlen geben, Videos mit Bill Gates und Autismus Störung (plus einer Zahl) im Titel. Kool, oder?

Ich habe gerade in einem anderen Beitrag in diesem Forum geschrieben, das 50% Präsenz sind, 38% die Stimme und nur 2% der Inhalt der Worte. Daher ist es gut, wenn ich durch google beweisbar sagen könnte, ich hätte das, was der Bill Gates hat.

7

Donnerstag, 16. August 2012, 19:36

Die Motivation für diese Änderung scheint klar zu sein: Sozialabbau. Man ändere die Kriterien für das Asperger Syndrom und spare 17% der Fälle ein und jede Menge kosten für 17% Aspies weniger, die wegrationalisieren kann in dem man ihnen eine Behinderung / Defizite aberkannt und sie zu normalen Versagern macht...unsozial ist das.

Ausserdem wenn man alle Autisten in den einen Topf Authismus Spektrum Störung wirft schafft man nicht wirklich Klarheit sondern macht die Dinge noch unklarer und schwieriger für die Betroffen.

Man höchsten die alten Diagnose in Untertypen nach Schweregrad aufteilen wobei die Leute, die Minimalanforderungen erfüllen Typ A wären, Mittlere Typ B und schwere Fälle Typ C.

Apologize

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8

Freitag, 17. August 2012, 11:16

vielleicht eine doofe Frage... aber was bedeutet DSM-V ???
Jeder möchte die Menschheit verändern, aber keiner fängt bei sich selbst an.

9

Freitag, 17. August 2012, 13:38

Diagnostical and Statistical Manual of Mental Disorders
http://de.wikipedia.org/wiki/DSM-IV

NarrGottes

unregistriert

10

Freitag, 17. August 2012, 19:47

Hi Aspaerger,

Du schreibst: Ausserdem wenn man alle Autisten in den einen Topf Authismus Spektrum Störung wirft...
Hä?!

11

Sonntag, 19. August 2012, 09:00

DSM-5 und ICD-10

Auf die Frage was das DSM-5 bedeutet hat mir ein Kinderpsychiater erklärt, dass diese Änderung von 4 auf 5 zuerst nur für den englischsprachigen Raum zählt. Es ist ein Regelwerk, dass für die Forschung und Universitäten als Leitlinie Anwendung findet. Es soll dazu dienen, dass alle von den gleichen Voraussetzungen ausgehen und dass man vom Gleichen redet. Die USA ist hier federführend.

In Europa, oder anders gesagt gibt es noch eine zweite Richtlinie und das ist was hier hauptsächlich angewandt wird, ICD-10. So quasi die Konkurrenz zu DSM.

Die Begriffe um den Autismusbereich werden hier also noch weiter im Gebrauch bleiben.
ICD-10 wird 2015 revidiert, was wahrscheinlich in ähnlicher Richtung gehen könnte.
Sinn und Anwendung von einer Klassifizierung würde aber wahrscheinlich eher für Versicherungen wie IV gebraucht, was wahrscheinlich auch Sinn macht, weil schon der AS Bereich viele Formen hat und der Begriff AS macht hier die Unterschiede zuwenig klar.

Ich persönlich hatte sehr mühe mit dem Gedanken, das der Begriff AS abgeschafft würde, warum ich es auch genauer wissen wollte.

Es hat jetzt 15 Jahre gebraucht, bis dieser Begriff fassbar wurde.
Für mich bedeutet AS für 80% dieser Persönlichkeiten, Menschen die eine andere Verarbeitung von Wahrnehmung haben. Es ist eine alternative zum klassisch Emotionalen. Für mich ist eine grosse Bereicherung der Menschheit. Ich sage es immer wieder, dass es für eine Menschen, der mit sich und der Welt zufrieden sein möchte, nicht darum kommt, einen rechten Schuss AS haben oder entwickeln muss.

Ich denke sogar, dass die Evolution für AS immer einen Platz hatte. Diese Form zu überleben ist wahrscheinlich sehr effizient. Dass sich die Menschheit jetzt aber so rasant entwickelt hat und Geist und Sein nicht mehr folgen können, und Leistung unser Gott ist, bringt diesen Typ Menschen schon ein wenig unter Druck.

DSM-5 wird also hier keinen grossen Einfluss nehmen. Und es würde so oder so Jahre gehen, bis auch ICD-10 etwas hier verändern wird.

Aber trotzdem ist es gut zu wissen, in welche Richtung sich das Ganze bewegt.

:knuddel:

12

Dienstag, 21. August 2012, 22:06

ICD und DSM werden weltweit genutzt.
Hinter der ICD steht die Weltgesundheitsorganisation (WHO).
Hinter dem DSM steht die Psychiatervereinigung der USA (APA). Deutsche Psychiater nutzen zur Zeit DSM IV und ICD 10. (Relevant für den Dialog zwischen Krankenkassen und Ärzten ist bei uns jedoch allein die ICD). Wie es in der Schweiz ist, weiß ich nicht. Wenn das DSM V veröffentlicht ist, wird bald darauf eine deutsche Übersetzung erscheinen.
Während die WHO mit der ICD versucht, alle Krankheiten mit einem einheitlichen Diagnoseschlüssel zu versehen, beschränkt sich das DSM auf psychisch wirksame Störungen.
Nach meiner Einschätzung ist die APA sehr gut vernetzt und macht sehr gute Lobbyarbeit. Im Studium habe ich die Umstellung von DSM III auf DSM IV verfolgt - dahinter steckte viel "Power".
Es ist seit langem das Bestreben der APA, dass DSM und ICD deckungsgleich sind.
Wie es letztlich für die Diagnose "Asperger-Syndrom" ausgehen wird, kann ich nicht einschätzen.

13

Mittwoch, 22. August 2012, 02:59

Zitat

Hi Aspaerger,

Du schreibst: Ausserdem wenn man alle Autisten in den einen Topf Authismus Spektrum Störung wirft...
Hä?!


Authismus Spektrum Störum ist ein weiter gefasster Begriff als Asperger Syndrom, was die Bezeichnung nicht klarer/genauer macht. Alles klar?

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