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1

Samstag, 21. Januar 2012, 17:05

Gefühle spüren, erkennen, äussern, und auf andere übertragen





Wie fühlt sich Glück an, was ist Sehnsucht und wie fühlt
sich der Schmerz bei Trauer an…?




Fühlen ist das Eine, verstehen, einordnen und ablegen das andere.




Meine Persönliche Meinung aus Beobachtungen und Erfahrungen
ist, dass ich glaube das Menschen aus dem Autismus-Spektrum sehr tiefe und auch
sehr ausgeprägte Gefühle empfinden und in sich tragen. Sehr oft habe ich das
Gefühl sie tun es noch intensiver als NT’s.




Nur frage ich mich wie das ist mit dem eigenen erkennen, einordnen, äußern und zuletzt auf andere übertragen können?


Mein Sohn spürt sehr intensiv Gefühle, äußert dies auch. Ich
stelle immer wieder fest, dass es für ihn wohl sehr schwierig ist zu erkennen
was für ein Gefühl ihn im Moment wieder überfällt und den Atem raubt. Ist es
nun Trauer, Einsamkeit, Wut, Unsicherheit… . Das Einordnen des Gefühls ist sehr
schwierig da er die einzelnen Gefühle wohl verspürt aber nicht weiß, was nun was
ist. Ein oder zu ordnen ist aber sehr wichtig sonst kann er nicht beginnen zu
verarbeiten und schlussendlich im Kopf am richtigen Ort ablegen um wieder Ruhe
zu finden für eine neue Aufgabe.


Nun wie kann er lernen die tiefen und starken Gefühle zu
ordnen und schlussendlich zu verarbeiten?




Wie macht Ihr das? Oder wie wurde Euch das vermittelt?




Grüsse bronti

Dieser Beitrag wurde bereits 2 mal editiert, zuletzt von »bronti« (21. Januar 2012, 17:06)


2

Samstag, 21. Januar 2012, 21:01

Wie macht Ihr das? Oder wie wurde Euch das vermittelt?
Gefühle erleben, ordnen, verarbeiten -
ich habe das in einer langen Psychotherapie gelernt.

friedel

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3

Sonntag, 22. Januar 2012, 17:58

Ich habe es über sehr sehr viele Jahre hinweg durch Beobachtung erlernt.
Besonders schwer war es, für die Gefühle Begriffe zu finden, mit denen sie sich beschreiben ließen.

Denn selten erklärt einem jemand, dass er dieses oder jenes Gefühl hat, wie es sich anfühlt, und auf welche Weise er zu dem Gefühl gekommen ist.
Das mag allerdings daran liegen, dass nur wenige wirklich darüber nachdenken (müssen).
Erschwerend ist auch, dass verschiedene Ursachen und Gefühle am Ende doch auch ähnliche Symptomatik haben. "im Moment wieder überfällt und den Atem raubt" (bronti) ist da eine gute Beschreibung.
Doch wenn dann in entsprechenden Situationen ein starkes Gefühl auftauchte, ließ es sich mit dem Erlernten abgleichen und dadurch nach und nach gut einordnen.

Und sogar bei den wesentlichen Gefühlen, die man schon recht bald zuordnen kann, gab es immer wieder Rückschläge und Verunsicherungen.
Beispielsweise durch diesen Satz, den ich als Kind oft in ähnlicher Weise gehört hatte:
Das kann doch unmöglich weh getan haben.

Heute verwehre ich mich natürlich dagegen, dass mir jemand anderes vorschreibt, ob mir etwas weh tut oder nicht, nur weil ich nicht das gleiche Empfindungsniveau habe wie er.
Keine Aussage wird wahrer, indem sie häufig wiederholt wird.

Aber sie gewinnt dadurch ungemein an Glaubwürdigkeit. (UT)

soleil

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4

Sonntag, 22. Januar 2012, 20:07

hallo fiedel
Ich habe es über sehr sehr viele Jahre hinweg durch Beobachtung erlernt.
Denn selten erklärt einem jemand, dass er dieses oder jenes Gefühl hat, wie es sich anfühlt, und auf welche Weise er zu dem Gefühl gekommen ist.
Dir den gleichen Respekt wie m.le Munet in meiner Antwort: Klick

grüsse

soleil

dhqd

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5

Montag, 23. Januar 2012, 14:02

Nur frage ich mich wie das ist mit dem eigenen erkennen, einordnen, äußern und zuletzt auf andere übertragen können?
@bronti

Bei mir dauert es lange, bis ich ein Gefühl erkenne, es einordnen kann und es auch verstehe. Ein Gefühl geht gerade noch, mehrere zusammen überfordern mich. Über Gefühle zu reden ist sehr schwierig, weil ich sie selten wirklich benennen kann. Mir fallen die Worte dazu nicht ein. In der Therapie wurde und werde ich sinngemäss immer wieder gefagt: "Was fühlen Sie? " Oft ist meine Antwort:" Ich weiss es nicht!". Diese Antwort ist nicht ganz korrekt, sie sollte eher so lauten: "Ich fühle etwas aber ich kann es nicht mit Worten beschreiben.". Das ist wie wenn die Verbindung zwischen Hirn und Mund unterbrochen ist. Gerade in einer Thrapie kann man das aber gut üben und ich arbeite daran.

Auch auf die Frage: "Wie geht es dir?" antworte ich manchmal: "Keine Ahnung!" weil ich meinen aktuellen Zustand gerade schlecht benennen kann. Um Diskussionen und Fragen auszuweichen sage ich aber oft: "Gut, danke, und dir?" damit Ruhe ist.

Eine Frage noch: Was meinst du mit "auf andere übertragen können" ?

Vielen Dank!

dhqd

6

Montag, 23. Januar 2012, 21:29

@ alle
Danke für Eure Beiträge und PN's sie bringen mich weiter :) .
@ dhqd
Eine Frage noch: Was meinst du mit "auf andere übertragen können" ?
Ich denke, dass man zuerst selbst die Gefühle spüren, erkennen, einordnen, verarbeiten und ablegen muss. Erst wenn dies irgendwie einigermaßen klappt ist es möglich die Gefühle (die man kennt) an oder in anderen zu erkennen.
Mit übertragen meinte ich also, Gefühle erkennen an sich selber und dieses Erkennen übertragen können auf das Gegenüber und so auch im Visavis die Gefühle erkennen und verstehen können.

Ich hoffe ich konnte das so verständlich erklären und habe nicht noch mehr Fragen aufgeworfen :huh: .

Grüsse
bronti

Joker

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7

Dienstag, 24. Januar 2012, 19:18

Auch ich erlebe starke Gefühle, aber ich verspüre selten den Wunsch, diese zu beschreiben.

Und wenn ich die Gefühle beschreiben soll, dann liegt die größte Schwierigkeit darin, dass ich im allgemeinen in Bildern denke, aber den Gefühlen an sich kein Bild zuordnen kann.

Wenn ich statt dessen eine Beispielsituation bildhaft beschreibe, dann erweckt dies bei den Zuhörern häufig eine Fixierung auf dieses Beispiel und nicht auf das zugrundeliegende Gefühl, so dass ich auch solche Beschreibungen nicht mehr durchführe, da sie nicht das vermitteln, was ich eigendlich sagen möchte.

Mein Fazit: Worte sind zu schwach, zu unpräzise und damit ungeeignet, um Gefühle richtig wiederzugeben!

8

Dienstag, 24. Januar 2012, 21:11

Ich komme etwas vom Thema ab möchte es aber trotzdem noch anfügen...

@Jocker
Mein Fazit: Worte sind zu schwach, zu unpräzise und damit ungeeignet, um Gefühle richtig wiederzugeben!
Jaein !

ich schrieb mal:
Was Herzen fühlen, können keine Worte voll-umfänglich beschreiben...

Und trotzdem ist die Sprache, sind Worte ein ganz wichtiges Instrument sich aus zu drücken, sich verständlich zu machen.
Wenn Gestik , Mimik oder gar die gesprochene Sprache nicht vorhanden oder nur teilweise oder gehemmt zum Vorschein kommen kann die Sprache (schriftlich) wenigstens ein Ventil des Ausdrucks sein.
Für einige die Möglichkeit um die so übermächtigen Gefühle zu verarbeiten und sich mit zu teilen...
Ich bin froh um die Sprache (schriftlich), um die Möglichkeit meinen Gefühlen Ausdruck zu verleihen auch wenn die Worte bei weitem nicht ausreichen...

Grüsse bronti

Arminius

Arminius

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9

Mittwoch, 25. Januar 2012, 12:40

Hallo!
Ich habe eine interessante Projektarbeit bei Jugend forscht gefunden. Da versuchen zwei Buben die Wahrnehmung ihres autistischen Bruders zu verstehen. Da könnten sich viele Erwachsene ein Beispiel nehmen.
http://www.asperger-wahrnehmung.de/

Viele Grüße
Arminius

Tajscha

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10

Mittwoch, 25. Januar 2012, 13:34

Hallo

Ich weiss nicht, ob dir dass hilft, aber ich behandle das Thema zurzeit gerade mit meinem Therapeuten.

Um einen „Zugang zu meinen Gefühlen zu finden“ wie er das so schön nennt, hat er mir aufgetragen, Symptome und Situationen in einen Zusammenhang zu bringen.
Als Übung habe ich dafür Zettel mit jeweils einem Körperumriss (ähnlich dem, der die Polizei an Tatorten malt) und eine Frageliste (Gefühl / Körperliches Symptom / Situation).

Jedes mal wenn ich merke, dass etwas in meinem Befinden von der gefühlten Gefühllosigkeit abweicht, soll ich einen Eintrag machen.
Also ich schreibe beispielsweise auf, das sich die Haare an meinen Armen aufstellen, meine Hände zittern und ich denke, ich würde einen schweren Rucksack tragen, obwohl ich dass natürlich nicht tue und mir speiübel wird. Das ganze versinnbildliche ich mit entsprechenden Eintragungen auf dem Körperumriss und beschreibe die Situation, in der das passiert ist.

Im Gespräch mit meinem Therapeuten versuche ich in einem weiteren Schritt jeweils, herauszulesen, was mein Körper mir mit diesen Symptomen sagen will und finde im Idealfall ein Gefühl dafür.

Das Problem das ich bei dieser Übung momentan sehe ist, dass sich damit primär negative Situationen verbalisieren lassen. Das ist aber immerhin ein Anfang.

Dieser Beitrag wurde bereits 1 mal editiert, zuletzt von »Tajscha« (25. Januar 2012, 13:36)


Kathy92

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11

Donnerstag, 26. Januar 2012, 07:30

Ich kenne das nur mit den negativen Gefühlen. Für mcih gibt es nur glücklich sein, bei den positiven gefühlen. Das ist einafch zu interpretieren.
Aber bei den negativen Gefühlen... es gitb so viele von Ihnen. Ich empfinde auch sehr intensive Gefühle. ich glaube, dass ich sie sogar besser spüren kann, wie NTs. Das wurde hier, glaube ich, bereits einmal erwähnt. Für mich sind die negativen Gefühle die komplizierteren, weil es so viele von IHnen gibt.

12

Samstag, 28. Januar 2012, 22:30

Hallo

@Kathy92 / Taischa

Danke für Eure guten Beiträge.
Spannend finde ich noch das Thema Negative / Positive Gefühle (Anzahl) die Schwierigkeit in der Differenziertheit der Abstufungen auf der negativen Seite und auch die Vielzahl der Gefühle überhaupt auf dieser Seite. Dass da der Hang zur Überforderung auch mal abgleitet ins Depressive kann ich mir so noch etwas besser erklären...

bronti

13

Sonntag, 29. Januar 2012, 00:28

Ich weiß ehrlichgesagt nicht wirklich was Gefühle sind.

Natürlich gibt es Dinge über die ich mich freue oder die ich doof finde, aber das passiert nur sehr oberflächlich. Ich habe sozusagen keine "starken Gefühle",

Also ich kann Gefühle nicht in Worte fassen, beschreiben oder verstehen.

Für mich sind Gefühle wie ein Text, welchen man vorlesen muss wenn Leute ihn hören möchten.

lg Nyoz
"+++++ +++[- >++++ ++++< ]>+.< +++++ ++[-> +++++ ++<]> +.--- .<+++ [->--
-<]>- -.<++ +[->+ ++<]> ++++. <+++[ ->--- <]>-- .--.< +++[- >+++< ]>+++ +.<"

:thumbsup:

Dieser Beitrag wurde bereits 1 mal editiert, zuletzt von »Nyoz« (29. Januar 2012, 00:31)


14

Sonntag, 29. Januar 2012, 00:39

Ich habe natürlich gelernt wann ich welchen Gefühlsausdruck verwenden muss, aber ich verstehe das einfach nicht.

Es ist für mich sozusagen wie ein Lied, der Text ist der Gefühlsausdruck und die Melodie die tiefen Gefühle.

Ich verstehe jedoch nur den Text.

Ich weiß nicht ob ihr das verstehen könnt, ich glaube ich verstehe das selber nicht richtig.

lg Nyoz
"+++++ +++[- >++++ ++++< ]>+.< +++++ ++[-> +++++ ++<]> +.--- .<+++ [->--
-<]>- -.<++ +[->+ ++<]> ++++. <+++[ ->--- <]>-- .--.< +++[- >+++< ]>+++ +.<"

:thumbsup:

friedel

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15

Sonntag, 29. Januar 2012, 07:26

Es gibt ein Gefühl, dass ich erst seit gar nicht so langer Zeit ausleben kann. Denn vorher wurde es mit ziemlicher Regelmäßigkeit von der lieben Familie gekappt.
Nun kann ich mich besser durchsetzen. Habe mein Leben von der Meinung meiner Mutter weitgehendst abgenabelt. Und halte es für mein natürliches Recht, dass mein Mann genausogut mal meiner Meinung nachgeben kann, wie ich seiner. Beide haben schließlich auch Schwächen, wenn auch andere.

Es ist etwas, das eine beschwingt und aufrecht gehen lässt. Macht fast schon ein bisschen schwindelig. Gleichzeitig der Drang, es anderen mitzuzteilen, und müde zu sein, aber ausnahmsweise zu wissen wovon.
Die ständigen Zipperlein wie Kopf-, Bauch- oder Gliederschmerzen treten mal eine Zeit lang in den Hintergrund.
Das Gefühl stellt sich ein, wenn ich mich konzentriert mit etwas beschäftigt hatte und dadurch einen Erfolg erzielen konnte. Es ist das Gefühl, mit sich selbst zufrieden zu sein.

Um zu lernen ein Gefühl zu deuten, muss auch die Möglichkeit gegeben sein, es zu erleben, ohne dass der ständige soziale Druck von außen es ausbremst, es wäre schlecht, unpassend, was auch immer. Denn sonst wird es von neuen Gefühlen überlagert, beispielsweise solchen, bei denen man meint, dass sich in einem alles zusammenklumpt, der Magen zum Stein wird. Das ist quasi der Rückschlag, wenn ein Gefühl nicht heraus darf, sondern verborgen, abgeblockt werden muss.

Es ist ein Unding, einem Menschen beizubringen, welche Gefühle er wie stark haben darf, welche nicht. Sie sind einfach da.
Das Lernen macht eher in der Richtung Sinn, auf welche Weise und in welchem Ausmaß man das Gefühl auf seine Umwelt übertragen kann, bevor man auf massive Gegenwehr stößt.

In Sachen Zufriedenheit halte ich es gerne so: Ich will die anderen nicht nerven. Aber wissen sollen sie es schon.
Keine Aussage wird wahrer, indem sie häufig wiederholt wird.

Aber sie gewinnt dadurch ungemein an Glaubwürdigkeit. (UT)

16

Sonntag, 29. Januar 2012, 18:10

Es ist ein Unding, einem Menschen beizubringen, welche Gefühle er wie stark haben darf, welche nicht. Sie sind einfach da.
In meinem Leben ist es entscheidend, zwischen Gefühlen und Kunstgefühlen zu unterscheiden.
Etwa 80% dessen, was mir NT als Gefühl anbieten (nach dem Motto: "Je stärker es ist, desto echter muss es sein!"), weise ich als Kunstgefühl zurück.
Was ist ein Kunstgefühl?

Ein Kunstgefühl ist ein Gefühl, das nicht zur Situation passt. NTs setzen diese Kunstgefühle in der Regel dazu ein, Zuwendung zu erpressen oder echte Gefühle zu überdecken. Das wird von frühester Kindheit an gelernt und geht dann ab der Pubertät (spätestens) ganz automatisch. (Ich erlebe die NTs mit ihren permanenten Kunstgefühlen oft als Androiden, die irgendwo gelernt haben, irgendwelche Gefühle zu simulieren).
Beide - Kunstgefühl und echtes Gefühl werden von dem, der es erlebt und ausdrückt in aller Regel als echt erlebt.
Deshalb bekomme ich viel 'Gegenwind', wenn ich ein Kunstgefühl zurückweise. Macht aber nichts. Damit kann ich leben. Und ein Kunstgefühl wird dadurch nicht echter, dass alle es für ein echtes halten.
Leider gibt es in der Psychologie nicht viel Literatur zu diesem Phänomen bzw. zur Unterscheidung zwischen echten und unechten Gefühlen.
Fanita English hat ein fantastisches Buch dazu geschrieben:
http://www.amazon.de/Transaktionsanalyse…27856689&sr=1-1

friedel

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17

Montag, 30. Januar 2012, 16:13

Es ist ein Unding, einem Menschen beizubringen, welche Gefühle er wie stark haben darf, welche nicht. Sie sind einfach da.
In meinem Leben ist es entscheidend, zwischen Gefühlen und Kunstgefühlen zu unterscheiden.
Etwa 80% dessen, was mir NT als Gefühl anbieten (nach dem Motto: "Je stärker es ist, desto echter muss es sein!"), weise ich als Kunstgefühl zurück.
Was ist ein Kunstgefühl?

Ein Kunstgefühl ist ein Gefühl, das nicht zur Situation passt. NTs setzen diese Kunstgefühle in der Regel dazu ein, Zuwendung zu erpressen oder echte Gefühle zu überdecken. Das wird von frühester Kindheit an gelernt und geht dann ab der Pubertät (spätestens) ganz automatisch. (Ich erlebe die NTs mit ihren permanenten Kunstgefühlen oft als Androiden, die irgendwo gelernt haben, irgendwelche Gefühle zu simulieren).
Beide - Kunstgefühl und echtes Gefühl werden von dem, der es erlebt und ausdrückt in aller Regel als echt erlebt.
Deshalb bekomme ich viel 'Gegenwind', wenn ich ein Kunstgefühl zurückweise. Macht aber nichts. Damit kann ich leben. Und ein Kunstgefühl wird dadurch nicht echter, dass alle es für ein echtes halten.
Leider gibt es in der Psychologie nicht viel Literatur zu diesem Phänomen bzw. zur Unterscheidung zwischen echten und unechten Gefühlen.

Hallo M. le muet,
aufgrund deines Hinweises habe ich mir zumindest mal die Thematik oberflächlich angesehen. Mehr ist zur Zeit nicht möglich.
Aber es sind Ideen dabei, mit denen ich eigene Gedankengänge weiterführen kann, die zeitweise ins Stocken geraten sind.
Wobei ich bei deiner Ausführung habe, ist folgendes:
Du beschreibst das Kunstgefühl als unecht und simuliert, andererseits aber auch als etwas, das nach der Lernphase automatisch abläuft.
Das bedeutet, dass die Menschen gar nicht merken, dass sie ein Gefühl simulieren. Es ist in ihrer Werkzeugtasche für Gefühlsäußerungen vorhanden und wenn es in ihren Augen zu der Situation passt, wenden sie es an, ohne den Unterschied zu erkennen. Sowenig wie die meisten von uns den Unterschied erkennen, aus welchem Material ein Schraubenzieher ist, wenn sie gerade mal einen brauchen.
Wenn sie den Unterschied aber nicht bemerken, ist der "Gegenwind", den du erzielst, wenn du ihnen von ihren Kunstgefühlen erklärst, kein Wunder. Denn egal, ob sie in dem Augenblick absolut nicht einschätzen können oder nicht einschätzen wollen, ob deine Kritik gerechtfertigt ist, in beiden Fällen werden sie erst mal mit Abwehr reagieren.
Nur sehr wenige Menschen, denen man, sinngemäß, auf den Kopf zusagt "Du bist falsch" würden mit einem erfreuten "Ja, da hast du recht" antworten.

Grundsätzlich scheinen mir die von dir beschriebene "Kunstgefühle" viel gemeinsam zu haben mit etwas, das ich als "erlernte Gefühle" bezeichne.
Es gibt sehr viele Gefühle, die man deshalb hat, weil einem als Kind beigebracht wurde, dass man diese in bestimmten Situationen zu haben hat. Mir wurde zum Beispiel beigebracht, dass ich mich schlecht fühlen muss, wenn ich eine Pause mache, obwohl die Wohnung nicht aufgeräumt ist. Auch dieses Gefühl war einfach vorhanden. Der einzige Unterschied war, dass es irgenwie logisch nicht passte. (Wer macht die Wohnung, wenn ich zusammenklappe?)
Ich meine deshalb, dass natürliche und erlernte Gefühle für den Betroffenen erst mal genausowenig unterscheidbar sind, wie ein Schmerz, der aus anatomischer Ursache entstand, von dem der an gleicher Stelle aus psychosomatischen Ursachen entstand. Auch da ist der Schmerz fühlbar und einschränkend da. Egal was einem über die Ursache gesagt wird.

Ich unterscheide von den erlernten Gefühlen, die sogar nur von einem selbst nur bei genauerer Betrachtung erkennbar sind, deutlich von vorgespielten Gefühlen. Aufgesetzte Freundlichkeit, künstlich hervorgebrachte Aggressivität oder, bei Vorstellungsgesprächen, vorgespielte Selbstsicherheit, die man ja mit Übung in Körpersprache und Auftreten einem ungeübten Betrachter recht gut vorgaukeln kann. Das ist aber bei Vorstellungsgesprächen oft beiderseits der Fall. Nachdem ich das bei meinen eigenen Vorstellungen einkalkuliert habe, hat es mir ganz erstaunliche Einblicke in die Persönlichkeit meiner Gesprächspartner gewährt, in ihren tatsächlichen Status und ihre Schwierigkeiten. Von meinen Erkenntnissen habe ich ihnen natürlich nicht gesagt. Aber es hat meine Entscheidungen beeinflußt.
Keine Aussage wird wahrer, indem sie häufig wiederholt wird.

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Dieser Beitrag wurde bereits 1 mal editiert, zuletzt von »friedel« (30. Januar 2012, 16:14)


alicia

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18

Dienstag, 31. Januar 2012, 19:30

hallo zusammen!

Bei mir ist es auch so, dass ich gefüle spüre, aber nicht benennen kann. Früher konnte ich mir auch nicht erklären, warum ich mich gerade so fühlte.. Aber ich denke, dass ich richtig reagiere, auch wenn das gefühl keinen namen hat.

Ich glaube auch, dass ich situationsgerecht reagiere.. mehr oder weniger.. also jetzt z.b in der schule anders als bei kollegen anders als zuhause..
KRANKE WELT... hilf mir, sie zu heilen!

19

Dienstag, 31. Januar 2012, 22:49

Hallo, Friedel,

"Gefühle" waren über Jahrzehnte eines meiner 'Spezialinteressen'. Inzwischen glaube ich, dass ich in dieser Hinsicht sehr klar sehe. Aber meine Sicht bringt mich in Gegensatz zu fast allen anderen Menschen. (Zum Glück in ich Autist und es ist mir fast völlig egal, was die anderen über mich sagen oder nicht sagen). Alle Kulturen, die ich kenne, feiern das Kunstgefühl regelrecht. Ohne Kunstgefühle gäbe es kein einziges Drama (Shakespeare, Goethe, Schiller, Pilcher - völlig egal). Es gäbe keine Krimis, beinahe keine Fernsehfilme, kaum Romane, keine Comics, Politik im heutigen Sinne wäre vollkommen undenkbar, Konflikte (innerhalb von Menschen, zwischen Menschen, zwischen Gruppen und Staaten), sähen ganz anders aus etc.
Die Kulturen, die ich kenne, sind von Kunstgefühlen regelrecht durchwoben.
Das macht die Kunstgefühle aber nicht realer.
Kunstgefühle führen zu dem, was ich 'symbolisches Handeln' nenne - wenn wir in Kunstgefühlen sind, reagieren wir auf eine Wirklichkeit, die gar nicht (mehr) da ist. Da wird so viel Lebensenergie und Lebenszeit völlig sinnlos verschlissen! So viel vergeudetes Leben!

"Du bist falsch" ist eine der härtesten Botschaften, die man einem Menschen vermitteln kann. Deshalb versuche ich, behutsam mit meiner Zurückweisung von Kunstgefühlen zu sein. Meistens wende ich mich (innerlich) ab, wenn mir ein Kunstgefühl angeboten wird. Ich spreche Kunstgefühle fast niemals offen an, denn ich kann in der Kürze nicht erklären, worum es geht. Ich biete Seminare zur Unterscheidung von Kunstgefühlen und echten Gefühlen an, die regelmäßig völlig überbucht sind. Meine Erfahrung ist, dass es viel Zeit und viel Therapie braucht, um diese Unterscheidung nicht nur zu verstehen, sondern auch zu leben.

Als ich 17 war, sagte ich meiner damaligen Freundin in der mir eigenen offenen Art (die damals viel brüsker war als heute) auf den Kopf zu: "Du machst Gefühle!" Ich hatte damit auch gemeint: "Lass das sein!" Als Reaktion bekam ich einen anderen Satz Kunstgefühle angeboten. Vor einigen Jahren hat sie sich für meine damalige Offenheit bedankt.

Ja, Kunstgefühle sind gelernt. Wir haben zwar eine biologische Prädisposition für Kunstgefühle, aber ohne die entsprechende Sozialisation läuft hier gar nichts. Nein, wir merken nicht, wenn wir ein Kunstgefühl produzieren. Als ich heute von der Arbeit nach hause kam, habe ich ein intensives Kunstgefühl produziert und es hat eine ganze Weile gedauert, bis es mir gelang, mich zur Ordnung zu rufen. Wenn wir im Kunstgefühl drin sind, halten wir es für völlig echt.

Eines meiner Lebensziele ist es, real zu werden.

friedel

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20

Mittwoch, 1. Februar 2012, 15:07

Das bedeutet, dass man seinem Aspiekind das Zeigen von Kunstgefühlen beibringt, wenn man ihm vorsagt, in der Situation solle es dies fühlen, in jener solches, und so weiter.
Etwaige Hilfe kann sich also nur auf das wertungsfreie Vergleichen und Erklären von Gefühlslagen beschränken.

Für schwierig halte ich, dass die vermittelten zu zeigenden Gefühle und damit später die als vermeintlich echt gezeigten Gefühle die allgemeinen Erwartungshaltungen wiederspiegeln.
Während so einige der echten Gefühle das nicht tun.

Vor einigen Jahren kam es dazu, dass bei mir eine Messung der Nervenleitfähigkeit vorgenommen wurde. Ich war auf das, was geschehen sollte nicht vorbereitet und durch die Situation an sich bereits sehr angespannt. So führte, als mir da so überraschend die Hand angepiekst wurde, der Schmerz bei mir zu einer sehr heftigen Gefühlsreaktion, die man ohne Weiteres auch als Nervenzusammenbruch beschreiben könnte.
Das kam für den Arzt scheinbar so dermaßen unerwartet, dass er mir gleich dazu riet, einen Psychologen aufzusuchen.

Und ich musste feststellen, dass vielen Menschen beispielsweise ohne die ausgeprägte Zurschaustellung von Gefühlsäußerungen bei Begrüßungen tatsächlich etwas fehlen würde.

Ich biete Seminare zur Unterscheidung von Kunstgefühlen und echten Gefühlen an, die regelmäßig völlig überbucht sind.

Ist das eventuell ein Zeichen für ein langsames Umdenken?
Oder ist es nur das moderne Bestreben, möglichst gut herauszufinden, was den anderen wirklich bewegt, um ihm möglichst viel verkaufen zu können?
Keine Aussage wird wahrer, indem sie häufig wiederholt wird.

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